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Die Tagespost, Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, Samstag, 2. September 2006, Nummer 105, 59.Jahrgang

Aus Mangel an Beweisen

Dokumentarfilme zeigen, warum die Schöpfungslehre immer noch eine ernst zunehmende Hypothese darstellt

von Stefan Rehder

Seit kaum mehr als einem Jahr brodelt im deutschsprachigen Raum unter Intellektuellen ein Streit über eine Frage, die viele freilich längst für entschieden halten. In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Frage schon eine ganze Weile virulent ist, hat die Auseinandersetzung um ihre Beantwortung bereits ganz andere Dimensionen angenommen. Statt wie hierzulande vornehmlich in den Feuilletons, wird die Frage danach, wer oder was für die Vielfalt des Lebendigen verantwortlich zeichnet, dort inzwischen auch an Schulen, in der Politik und vor Gericht verhandelt.

Der Zufall hat nicht entschieden

Und weil die Antwort auf diese Frage im Grunde alles andere als akademisch ist - hängt doch von ihr kaum weniger ab, als die Antwort darauf, ob sich der Mensch als von einer anderen Macht absichtsvoll ins Leben Gerufener verstehen oder bloß als zufällig entstandene Lebensform begreifen darf - erscheint eine breite Debatte über Aussagekraft und Reichweite der Evolutionstheorie auch hierzulande prinzipiell wünschenswert. Zumal an inhaltlich wertvollen und allgemein verständlichen Beiträgen kein Mangel herrscht, wie etwa die kürzlich zu Ende gegangene neunteilige Katechese des Erzbischofs von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, die in dieser Zeitung gedruckt wurde, oder das jüngst im Augsburger Sankt Ulrich Verlag erschienene Buch "Alles Zufall? Naive Fragen zur Evolution" des in München wirkenden Priesters Peter Blank belegen.

Für einen weiteren Impuls in diese Richtung dürfte demnächst ein Film sorgen, der am 16. September in der Berliner Urania seine deutsche Uraufführung erleben soll. Da der Film mit dem Titel "Dem Geheimnis des Lebens nahe" nicht weniger beansprucht, als in 58 Minuten die wissenschaftliche Begründung für "Intelligent Design" zu liefern, dürfte die Deutschlandpremiere des Films, für dessen deutsche Produktion der Dokumentarfilmer Fritz Poppenberg und seine Produktionsfirma "Drei Linden Film" verantwortlich zeichnen, für eine neue Kontroverse sorgen. Dies gilt umso mehr, als Poppenberg bereits mit anderen evolutionskritischen Dokumentarfilmen in der Vergangenheit zumindest in der Fachwelt für erhebliche Furore gesorgt hat. So wird etwa seine von der "Konferenz Evangelikaler Publizisten" mit dem "Goldenen Kompass" ausgezeichnete Filmdokumentation "Hat die Bibel doch recht? - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr gezeigt, seit das Werk einen Sperrvermerk erhielt. Obwohl der Film, der in Gemeinschaftsproduktion mit dem inzwischen in Radio Berlin-Brandenburg umbenannten Sender freies Berlin (SFB) hergestellt wurde, Kritiker wie Befürworter der Evolutionstheorie sachlich und unaufgeregt zu Wort kommen lässt, hat er die Gemüter einiger Evolutionstheoretiker derart erregt, dass sie alles daran setzten, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Als DVD und VHS-Kassette ist er dennoch nach wie vor erhältlich und kann zum Beispiel über die Internetseite der Produktionsfirma "Drei Linden Film" www.dreilindenfilm.de bestellt werden.

Kritisch anmerken lässt sich allein, dass der Titel des Films in einer gewissen Weise in die Irre zu führen vermag. Denn tatsächlich untersucht der Film weder den biblischen Schöpfungsbericht, noch sucht er diesen - wie die Kreationisten dies zu tun pflegen, von denen er mitunter wortwörtlich genommen wird - zu untermauern. Vielmehr blitzt die Frage, ob die Bibel nicht doch Recht hat, erst ganz am Ende des Films auf. Dort allerdings dann wiederum völlig zu Recht. Denn die Argumente, die der Film und die in ihm auftretenden Wissenschaftler eine Dreiviertelstunde zuvor gegen die Evolutionstheorie ins Feld führen, sind geradezu vernichtend.

Eindrucksvoll zeigt der Film, was aus Mangel an Beweisen derjenige alles glauben muss, der den Kern der Evolutionstheorie, nämlich dass sich komplexere Lebensformen aus weniger komplexeren durch zufällige Mutation entwickelt haben sollen, für bare Münze nimmt.

Dabei bestreitet keiner der Wissenschaftler, die dort zu Wort kommen - darunter Genetiker, Molekularbiologen, und Paläontologen - dass es Mutationen und Ausleseprozesse gibt. Allerdings zeigen sie auf, dass diese Phänomene völlig ungeeignet sind, um Darwins These von der Höherentwicklung der Arten zu stützen, geschweige denn zu belegen.

Die Selektion erklärt zu wenig

Am Beispiel von Tieren - wie etwa dem Hund und der Giraffe - sowie Zuckerrüben und Erbsen illustriert der Film, dass Mutationen so gut wie immer Beeinträchtigungen oder gar Verluste von Genfunktionen nach sich ziehen. Statt zur Höherentwicklung führen Mutationen in nahezu 100 Prozent der Fälle zur Degeneration. Positive Mutationen, die etwa zur Entstehung des neuen Gens geführt hätten, seien bis heute nicht bekannt, so der Biologie- Professor Siegfried Scherer. Darüber hinaus erläutert die Dokumentation, dass sich in der Bakterienforschung - dem einzigen Feld, auf dem evolutionäre Prozesse aufgrund der hohen Teilungsfreundlichkeit der Organismen überhaupt experimentell nachvollzogen werden können - zwar Veränderungen innerhalb einer Komplexitätsstufe beobachten lassen, jedoch keine Zunahme von Komplexität. "Die Variabilität, die wir beobachten, erklärt uns nicht die Entstehung der Gene, die wir bruachen, um die Entstehung neuer Arten zu erklären", erklärt etwa der Genetiker Wolf Ekkehard Lönning vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, der mit Pflanzen arbeitet.

Ausführlich beschäftigt sich der Film zudem mit den Fossilienfunden und demonstriert an eingängigen Beispielen, dass auch diese bislang keine Beweise für Darwins Theorie der Entstehung der Arten liefern können. Darwin, der selbst nach solchen Belegen Ausschau gehalten hatte, und zugeben musste, keinen gefunden zu haben, tröstete sich damit, dass sie später gefunden würden. Doch auch heute - nach intensiver Forschung - fehlen die so genannten "missing links" noch immer - ausnahmslos.

Viel spricht dafür, dass der im Film aus dem "Off" zitierte bekannte Paläontologe Oskar Kuhn ins Schwarze traf, als er formulierte: "Das Selektionsprinzip Darwins erklärt nur, warum gewisse denkbare Formen nicht existieren, aber warum jene Formen, die tatsächlich existieren, da sind, ist durch seine Theorie nicht erklärbar."

Sollte daher der neue Film der "Drei Linden Film" auch nur annähernd das Niveau halten, das "Hat die Bibel doch Recht?" besitzt, dann wird nach der deutschen Uraufführung am 16. September ganz sicher ein weiterer Aufschrei durch Deutschland gehen. Grund, daran etwas auszusetzen, wird wohl nur derjenige haben, der ein ungestörtes Leben per se höher einschätzt als eines, das nach Wahrheit sucht.

"Hat die Bibel doch Recht?" - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise. Eine Filmdokumentation von Fritz Poppenberg.
45 Minuten. Drei Linden Filmproduktion.

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